Europas zersplitterte Rüstungsindustrie: Warum Milliardeninvestitionen nicht ausreichen
Nikolaus SchleichEuropas zersplitterte Rüstungsindustrie: Warum Milliardeninvestitionen nicht ausreichen
Europas Rüstungsindustrie steht unter Druck: Dringende Reformen gefordert, um Zersplitterung zu überwinden
Die Fragmentierung der europäischen Rüstungsindustrie schwächt die militärische Schlagkraft des Kontinents – trotz hoher Ausgaben. Obwohl Europa 2025 voraussichtlich 550 Milliarden Dollar investiert – fast 60 Prozent des US-Haushalts –, verfügt es über eine weit größere Vielfalt an Waffensystemen, erreicht aber insgesamt geringere Fähigkeiten. Experten und Politiker warnen nun, dass veraltete Strukturen und mangelnde Koordination Europa im internationalen Vergleich zurückwerfen.
Das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) weist auf eklatante Ineffizienzen hin: Während die USA nur ein Hauptkampfpanzer-System betreiben – den M1 Abrams (mit Varianten wie dem M1A2 SEPv3) –, unterhält Europa 14 verschiedene Modelle. Noch größer ist die Kluft bei U-Booten: 16 Klassen in Europa stehen vier in den USA gegenüber. Bei Torpedos sind es 24 europäische Typen im Vergleich zu nur vier in den Vereinigten Staaten. Trotz eines 150 Milliarden Dollar höheren Budgets als China bleibt Europas militärische Gesamtleistung damit hinter den Erwartungen zurück.
Deutsche Bundesländer treiben Veränderungen voran In Deutschland fordern regionale Spitzenpolitiker nun Reformen. Nordrhein-Westfalen will bis 2029 zum führenden Standort der Rüstungsindustrie werden und stellt dafür 2,5 Millionen Euro aus Landesmitteln bereit. Die stellvertretende Ministerpräsidentin Mona Neubaur (Grüne) rief die Bundesminister Boris Pistorius (Verteidigung) und Katharina Reiche (Wirtschaft) auf, die Zusammenarbeit zu beschleunigen. Gleichzeitig soll das neue Innovationszentrum der Bundeswehr in Erding (Bayern) die Lücke zwischen Streitkräften, Unternehmen und Start-ups schließen.
Produktion wird hochgefahren – doch Tempo bleibt kritisch Die Herstellung zentraler Systeme läuft auf Hochtouren: Die Produktion des Flugabwehrsystems Iris TLM wurde verdoppelt – von drei auf sechs Feuereinheiten. Doch Vizeadmiral Thomas Daum betont, dass moderne Kriegsführung schnelleres Handeln erfordert, insbesondere bei Automatisierung und Drohnentechnologie. Der Ökonom Moritz Schularick plädiert für einen einheitlichen europäischen Rüstungsmarkt, der durch Skaleneffekte Kosten senken und die Effizienz steigern könnte.
Konsolidierung und Innovation als Schlüssel zur Wettbewerbsfähigkeit Angesichts von Doppelstrukturen und ineffizienten Prozessen setzt die Branche nun auf Bündelung und technologischen Fortschritt. Die kommenden Jahre werden zeigen, ob es Europa gelingt, die Fähigkeitslücke zu schließen – und damit seine militärische Position im globalen Machtgefüge zu stärken.






