Warum die Kapitalismuskritik im Neoliberalismus an Schwung verlor – eine historische Spurensuche
Irena RohtWarum die Kapitalismuskritik im Neoliberalismus an Schwung verlor – eine historische Spurensuche
Krise der Kapitalismuskritik? Gegner des Kapitalismus im neoliberalen Zeitalter
Eine neue Anthologie untersucht, warum der Widerstand gegen den Kapitalismus während des Aufstieg des Neoliberalismus an Kraft verlor. "Krise der Kritik? Gegner des Kapitalismus im neoliberalen Zeitalter" analysiert Protestbewegungen und Dissens von den 1970er- bis zu den 2000er-Jahren und hinterfragt, ob Kritiker aufgrund ideologischer Verschiebungen oder struktureller Veränderungen an Einfluss einbüßten. Der von Felix Dümcke, Flemming Falz und Tim Schanetzky herausgegebene Band stellt gängige Annahmen über den Niedergang der Linken in dieser Phase infrage.
Die Studie beleuchtet, wie sich die Kapitalismuskritik im Zuge der neoliberalen Umstrukturierung wandelte. Während manche die Dominanz des Neoliberalismus auf wirtschaftliche Reformen oder intellektuelle Strömungen zurückführen, zeichnen die Autoren ein komplexeres Bild. Sie zeigen, dass konsumkritische Ansätze – die individuelle Lebensstile in den Fokus nahmen – bereits lange vor den 1970er-Jahren neben systemischen Herausforderungen existierten und damit die Vorstellung eines plötzlichen Bruchs relativieren.
Sozialdemokratische und linksliberale Gruppen übernahmen oft selbst neoliberale Politiken und leisteten dem Vormarsch kaum Widerstand. Selbst die Gründung der Partei des Demokratischen Sozialismus (PDS) in den 1990er-Jahren belebte die antikapitalistische Opposition nicht neu. Stattdessen verband sie Identitätspolitik mit keynesianischen Wirtschaftskonzepten – ein Beispiel für den größeren Trend einer verwässerten Kritik.
Kritisch setzen sich die Autoren auch mit dem Begriff "Neoliberalismus" selbst auseinander. Die inflationäre Verwendung des Labels, so ihr Argument, verenge die Kritik auf eine Spielart des Kapitalismus, statt das System als Ganzes zu hinterfragen. Soziologische Debatten, merken sie an, verklären häufig den Kapitalismus der 1960er- und 1970er-Jahre und blenden dessen eigene Widersprüche aus.
"Krise der Kritik?" liefert eine fundierte historische und theoretische Bestandsaufnahme der Linken im Neoliberalismus. Der im Wallstein Verlag erschienene, 355-seitige Hardcover-Band (38 Euro) zeichnet nach, wie sich die Kapitalismuskritik zersplitterte und anpasste. Die Erkenntnisse deuten darauf hin, dass das Verständnis dieser Krise entscheidend ist, um die gesellschaftlichen Umbrüche seit dem späten 20. Jahrhundert zu deuten.






